Wie mich der Landesfürst in die Irre führt

Nach mehreren Wochen des intensiven Wien Erwanderns sollte mich mein nächster Kurztrip diesmal in eine völlig andere Gegend verschlagen. Weit nach Mitternacht – wie üblich – fiel meine Wahl schließlich auf den ersten Wiener Wasserleitungswanderweg. Gesagt, getan und so waren um kurz vor drei Uhr früh alle Karten gedruckt und auch die Kamera und der Rucksack bereit zum Abmarsch.

Um von Wien aus ins Rax-Schneeberg-Gebiet zu gelangen, ist für alle ohne Auto die Südbahn das Mittel der Wahl. Und so geht es auch für mich an diesem spätsommerlichen Sonntag von Wien Meidling zunächst mit einem Schnellzug der Tschechischen Bahn bis nach Wiener Neustadt, um dort nach einem kurzen Zwischensprint rechtzeitig meinen Anschlusszug zu erreichen.

Nach einem „grazilen“ Hechtsprung empfängt mich auch schon die liebgewonnene Stimme von Chris Lohner: „Nächster Halt / Next Stop: Payerbach-Reichenau“ – jener Ort der Sehnsucht, an dem so viele Züge der Südbahn täglich enden und Ausflügler sicher und wohlbehalten in die Berge entlassen.

Bevor es mit dem Bus das letzte Stück weitergeht bleibt mir noch ein wenig Zeit um den Bahnhof und die Umgebung zu erkunden, wobei einem Stadtkind schon der rund 1600 Meter hohe Gahns, der gleich hinter dem Bahnhof in die Höhe ragt, wie der Mount Everest vorkommt. (Ja, was Berge anbelangt sind wir Flachländer halt doch ziemlich leicht zu beeindrucken).

Das 1854 errichtete Bahnhofsgebäude von Payerbach-Reichenau wurde vor einigen Jahren aufwendig saniert und ist mit seinen historischen Sitzgelegenheiten und den liebevoll gepflegte Blumenkästen ein bis ins Detail sympathischer Zeuge einer längst vergangenen Zeit, in der Payerbach vor allem in Adelskreisen ein beliebter Ort für die Sommerfrische war.

Bahnhof Payerbach-Reichenau

Bahnhof Payerbach-Reichenau

Rund um den Bahnhof merkt man aber recht schnell, dass von diesem Glanz lediglich noch einige alte Villen zeugen, die Umgebung an sich aber doch ein wenig Pantina angesetzt hat.

Doch leider drängt die Zeit, denn schließlich muss ich noch meinen Bus erwischen, der sich zunächst durch den Ort, bei der Talstation der Rax-Seilbahn vorbei und schließlich das kurvenreiche Höllental den Berg hinaufplagt. Nach in Summe etwas mehr zwei Stunden Fahrt ist schließlich der Ausgangspunkt meiner heutigen Wanderung in Kaiserbrunn erreicht.

Nachdem ich den schon obligatorischen ersten (und ärgerlicherweise zugleich auch letzten) Wanderstempel des heutigen Tages ergattert habe, steht noch ein kurzer Besuch im beschaulichen Wasserleitungsmuseum an. In der kleinen, aber feinen Ausstellung bekommt man einen Einblick von den ersten Überlegungen und Plänen, über die Schwierigkeiten und Arbeitsbedingungen bei der Errichtung, bis hin zur Gegenwart der Hochquellwasserleitung, die Wien nun seit über 140 Jahren mit Trinkwasser versorgt.

Nun aber zur eigentlichen Wanderung entlang des ersten Wiener Wasserleitungswanderweges:

Links, Links, Links und nochmals Links, so lautet die heutige Devise bzw. hätte sie lauten müssen, wie ich jetzt im Nachhinein weiß. Trotz der späten und doch eher spontanen Vorbereitung war ich wie immer gut mit allerhand Wanderkarten ausgestattet, verließ mich vor Ort dann aber doch auf die vorhandenen Wegweiser. Ein Fehler, wie ich nach knapp 40 Minuten Umweg feststellen musste. Also wieder zurück, in Gedanken den Landesfürsten verfluchend – der, vermutlich dafür zuständig, in meiner Vorstellung die Aufstellung der Schilder nicht sorgsam genug überwacht hatte.

Unklare Wegweiser

Unklare Wegweiser

Endlich wieder am „rechten Wege“ angekommen, führt die wirklich empfehlenswerte Route zunächst das Höllental bergab immer parallel zur Schwarza, die so klar und sauber ist wie ich noch selten zuvor einen Fluss gesehen habe.

Schwarza

Schwarza

Schwarza

Schwarza

Immer weiter durch den dichten Wald, begleitet vom Rauschen des Flusses, beginnen sich auch schön langsam die Baumkronen in die klassischen Herbstfarben – von leuchtend gelb bis tief orange – zu kleiden. Einfach wunderschön und auch herrlich um den grantelnden Wanderer (sprich mich) wieder etwas zu besänftigen.

Herbstlaub

Herbstlaub

Am Ende des Höllentales erreicht man schließlich Hirschwang und folgt der „Hauptstraße“, vorbei an alten, zunehmend dem Verfall preisgegebenen Arbeitersiedlungen, dem mittlerweile ebenso geschlossenen „Knusperhäuschen“ (Zweite Stempelstelle), sowie einiger weiterer verlassener Gebäude und Betriebe.

Und nirgendwo treffe ich auf Menschen. Lediglich eine einsame Kuhherde am Straßenrand, sowie einige Paragleiter beleben die doch etwas triste, wenn auch landschaftlich schöne Szenerie.

Nach einem kurzen Schwenk nach – genau – links geht es abseits der Hauptstraße von Hirschwang wieder entlang der Schwarza bis nach Reichenau – stets entlang der Trasse der nur mehr touristisch genutzten Lokalbahn zwischen Hirschwang und Payerbach.

Vorbei am Schloss Reichenau mit seinem charakteristischen Rundturm führt der Weg noch einige Kilometer weiter an der Schwarza entlang, ehe sich nach einem erneuten Schwenk der Untergrund plötzlich deutlich ändert.

Schloss Reichenau

Schloss Reichenau

WWW - Umgebung

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Der letzte Abschnitt des Weges führt nämlich genau auf der Hochquellwasserleitung von Payerbach-Reichenau über Schlöglmühl bis zum heutigen Zielort, dem Bahnhof in Gloggnitz, wo die dritte Stempelstelle des Weges (Gasthaus Wasserschlössl), so scheint es mir, auch schon vor längerer Zeit geschlossen hat. Lediglich ein staubiges Schild mit der Aufschrift „Danke für 20 Jahre Treue“ hängt noch hinter der Eingangstür.

Ohne Stempel und nach etwas mehr als 22 Kilometern, sowie der festen Überzeugung, dass die Kilometer in Niederösterreich um einiges länger sein müssen als jene in Wien, erreiche ich schließlich den Bahnhof und lasse mich in den Sitz des gerade einfahrenden Zuges fallen.

Nächster Halt / Next Stop: Wien Meidling.

Einmal Rundherum – Teil 1

War es ein verspäteter Anflug postpubertären Übermutes oder doch die ausnahmsweise einmal arbeitsfreien Sommerferien, die diese Idee in mir reifen ließen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr. Wie auch immer – so stand ich also am Fuße des Leopoldsberges, am Beginn des von den WienerInnen liebevoll als „die Nase“ bezeichneten Aufstiegs auf Selbigen und war wild entschlossen diesen und auch die noch folgenden rund 130 Kilometer des „Rundumadum“-Wanderweges zu bezwingen.

Vorweg sei gesagt, dass das Wandern eine meiner Leidenschaften ist, die ich versuche, so gut es in einer Großstadt eben geht auch auszuleben. Es geht dabei weniger um den sportlichen Aspekt, viel mehr ist das Begehen einer Stadt eine Möglichkeit diese aus Perspektiven zu entdecken, die einem sonst in der Hektik des Alltags verwehrt bleiben und zu wenig Beachtung finden. Insofern war und ist es mir auch ein großes Anliegen diese unzähligen Kleinigkeiten, die das Konstrukt Stadt zu dem machen, wie wir es wahrnehmen oder eben auch ausblenden, bewusst vor den Vorhang zu holen und zu dokumentieren. (Nachzulesen unter #WienErwandern und #WienDetail).

Aber zurück ins beschauliche Kahlenbergerdorf und den ersten drei Etappen des Rundwanderweges. Gleich zu Beginn geht es ziemlich resch los und den steilen Nasenweg bergan, in dessen Verlauf mehrere Aussichtspunkte einen passablen Blick auf den Donauverlauf und die Stadt ermöglichen. Etwas schnaufend am Gipfel angekommen bietet sich jedoch ein traumhafter Blick über die Stadt, sowie die seit Jahren im Dornröschenschlaf befindliche Burg Leopoldsberg, die jedoch zusehends verfällt.

Burg Leopoldsberg

Burg Leopoldsberg

Im Anschluss daran führt der Weg ziemlich unspektakulär an der Höhenstraße entlang bis zum Kahlenberg samt weiterer Aussichtsterrasse, die man sich jedoch mit der Mehrheit der in der Stadt anwesenden Touristen teilt. Nach einem kurzen Abstecher, bei dem man an der Stephaniewarte und dem Sender Kahlenberg vorbeikommt wird es schlagartig wieder menschenleer. In einiger Entfernung zur Höhenstraße geht es auf einsamen Waldwegen weiter zum Cobenzl, vorbei am gestrengen Blick Karl Luegers weiter bis zur Jägerwiese, wo es auch den ersten von fünf Wanderstempeln abzuholen gilt.

Stephaniewarte und Sender Kahlenberg

Stephaniewarte und Sender Kahlenberg

In Zeiten wo es für alles eine App gibt mag das Ritual des Wanderstempels auf den ersten Blick etwas antiquiert erscheinen, ich muss aber gestehen, dass es mir mit der Zeit richtig ans Herz gewachsen ist. Das geht sogar so weit, dass man sich ziemlich ärgert, wenn einmal eine Hütte geschlossen ist und man, um den Wanderpass wirklich voll zu bekommen, so manche Etappe mehrmals absolviert.

Vorbei am Hermannskogel und der Habsburgwarte, dem mit 542 Metern höchsten „Berg“ der Stadt, geht es schließlich (versorgt mit Wanderstempel und gestärkt) weiter entlang der Höhenstraße bis zu den Ausläufern des Schwarzenbergparks und der gleichnamigen Allee. Hat man diese – nach einigen beherzten Sprüngen in die Botanik um den ambitionierten Mountainbikern zu entgehen – lebendig erreicht, so lädt eines der vielen Bankerl in der Sonne zum Entspannen ein, ehe es mit dem „43er“ wieder zurück in Richtung Zivilisation geht.

Die Route im Überblick. (Google Maps)